Heidelberger Geographische Gesellschaft e.V.
Geographie der Zeitenwende
Nächster Vortrag
Dienstag, 19. Mai 2026, 19:15 Uhr
Prof. Dr. Jan Simon Hutta (Universität Hamburg)
Geographie des Verschwindens – Nekropolitik in Zeiten planetarer Krisen
Raumproduktion in der westlichen Moderne wird meist mit Praktiken des Kartierens und Visualisierens verbunden – von Scotts Seeing Like a State und Foucaults Panoptismus zu Cosgroves und Roses Kritiken am ‚apollinischem Blick‘ und dem ‚white, heterosexual, masculine gaze‘ der Geographie. Nur vereinzelt wird bislang untersucht, welche Rolle Formen des Unsichtbarmachens und Verschwindens im raumbezogenen Regieren spielen. In diesem Vortrag wird argumentiert, dass das Verschwinden im Kontext planetarer Krisen neue Bedeutung gewinnt – als Regierungstechnik ebenso wie als Effekt ungleicher Entwicklung und ökologischer Schädigung. Anhand einer ethnografischen Forschung im periurbanen Hinterland Rio de Janeiros wird aufgezeigt, wie das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen mit staatlichen Praktiken des ‚unmapping‘ (A. Roy) sowie (infra-)strukturellen Bedingungen von ‚Opazität‘ (M. Santos) und Obskurität (A. Mbembe) zusammengreift. Eine Verschränkung strategischer und struktureller Dynamiken des Verschwindens ist auch zunehmend im Nordatlantik zu beobachten und bereitet neuen Formen der Nekropolitik den Weg.

© J. S. Hutta
